Jede Kasse kocht ihr
eigenes Süppchen
 
 
 
 
 
 
 
 
Nicht nur Ärzte und Apotheken Ehinger fühlen sich unter der Bürokratieflutdes Gesundheitswesens halb begraben.Sanitätshäusern geht es nicht besser,beklagt Martin Baur vom gleichnamigenSanitätshaus. Jede der rund 250Krankenkassen habe eigene Regelnund Vorschriften.

EHINGEN/REGION Mit der Gesundheitsreform ist es wie mit der Rechtschreibreform: Ewig wird herumgedoktert - und am Ende haben alle den Eindruck, es ist noch schlimmer als vorher. Der Frust ist schon vor Abschluss der neuen Reform riesig. "Mit jeder Kasse läuft es anders: Anträge, Preise, Genehmigungen, das ganze Verfahren eben", stöhnt Martin Baur vom Sanitätshaus Baur in Ehingen. Wie Ärtze und Apothekerseien auch Angehörige seiner Branche mit inzwischen krankhaften Auswüchsen an Bürokratie konfrontiert. Kommt ein Kunde zu ihm und möchte ein Reha- oder Pflegehilfsmittel, dann müssen Baurs Mitarbeiter erst einmal recherchieren: Wie läuft es beim Badewannenlifter, wie beim Rollstuhl, einer Toilettensitzerhöhung oder einem Pflegebett? Will die Kasse dieses Kunden auch bei preislich festgeschriebenen Produkten einen Kostenvoranschlag? Oder gibt es eine bestimmte Höhe, bis zu der kein Antrag notwendig ist? Wenn ja, wie hoch ist diese Höhe?... Je nach Kasse fällt die Antwort anders aus. Und es gibt etwa 250 Krankenkassen in Deutschland.

Teilweise existieren auch innerhalb einzelner Kassen je nach Region unterschiedliche Regeln: "Innerhalb der AOK handhabt es jede Bezierksdirektion anders, wir haben mit der AOK in Ulm, Biberach, Urach, Reutlingen, Göppingen und dem Allgäu zu tun", erklärt Baur.

Der Fachmann sagt, er hat nichts gegen Kontrolle. Sie sei sinnvoll, um Kosetn einzusparen. Aber er und seine Frau Angelika sind

überzeugt: Der Verwaltungsaufwand zur Überprüfung kostet weit mehr als die damit erzielte Einsparung.

Einiges ist ihrer Ansicht nach sogar gänzlich überflüssig wie zum Beispiel: "Bei einem vertraglich festgelegten Preis fürs Produkt braucht die Kasse doch keinen Kostenvoranschlag." Peter Schönfelder von der AOK Ulm hält Kontrolle trotz Rezept des Arztes für unerlässlich: "Sie ist für alle Beteiligten wichtig und bringt unter den Strich eine Einsparung".

Wände voll Ordner im Büro des Sanitätshauses sprechen Bände von dem Ausmaß an Verwaltungsarbeit. "Man muss bei allem in den Ordnern nachschlagen", klagt Angelika Baur. Und ihr Mann unterstreicht: "Das ist ein enormer Zeitaufwand." Immer, wenn sie einigermaßen Bescheid wüssten, komme schon wieder die nächste Änderung.

In manchen Fällen schicke die Kasse ihren medizinischen Dienst zum Patienten, um zu prüfen, ob er beispielsweise den Badewannenlifter wirklich braucht. Bei der AOK gehe dann die Anfrage nach dem Produkt an deren Zentrallager. "Und falls da nichts vorrätig ist, müssen wir wieder einen Kostenvoranschlag erstellen und alles beginnt von vorne", ärgert sich Angelika Baur. Sie weiß von einem bettlägrigen Patienten mit Dekubitus (offene Wunden am Rücken), der mehrere Tage unter starken Schmerzen auf einer normalen Matzraze ausharren musste, bis die neue Wecheldruck-Matratze geliefert werden konnte.

AOK-Experte Schönfelder argu-mentiert hingegen, mit den Sanitätshäusern sei vereinbart, dass sie für solche Fälle ein Notkontingent führen sollen.

Früher hätten sie alle gebrauchten Hilfsmittel bei sich einlagern müssen, seit einem halben Jahr habe die AOK ihre Zentrallager, das sei doch für die Sanitätshäuser ein Vorteil. Auch das zeitargument lässt er nicht gelten: Ob noch ein nachgefragtes Gerät vorrätig ist, lasse sich innerhalb eines Tages abklären.

Nach Baurs Erfahrung kann die Zeitspanne zwischen Antrag und Lieferung eines Rollstuhls von einer Woche bis zu einem viertel Jahr betragen. "Wir haben es schon erlebt, dass der Patient bis dahin nicht mehr lebte", sagt Baur. Was ihn besonders ärgert: Die Leid-tragenden seien meist die aller-schwächsten Patienten.

Für das Sanitätshaus bedeuten die Auswirkungen der Gesundheits-reform laut Baur: Die Mitarbeiter arbeiten länger, die Rendite wird trotzdem weniger. Bis Juni 2005 reichte eine Bürokraft zur Reha-Verwaltungsarbeit, jetzt sind es zweieinhalb. Baur fordert daher eine Reduzierung der Kassenzahl auf eine Handvoll. Denn echter Wettbewerb sei zwischen ihnen sowieso nicht möglich.

Der Trend geht schon in die Richtung: Nach Angaben der AOK Ulm ist die Zahl der Kassen in den vergangenen zehn Jahren von rund 1200 durch Zusammenschlüsse auf nunmehr 250 zurückgegangen. "Der Gesetzgeber sieht vor, dass es bald nur noch 50 oder 60 Kassen geben soll, das ist auch sinnvoll", sagt Schönfelder.